Von Kontrolle und Freiheit und von Kunst und Natur

Und vielleicht sogar von Zufall und Bestimmung. Beinahe hätte ich das eigentlich schöne Wort „Vorsehung“ gewählt, habe mich aber rechtzeitig eines unseligen Gefreiten des Weltkrieges erinnert, dessen Aussagen doch eher Historikern zur Exegese vorbehalten bleiben sollten. Wenn überhaupt.

Eigentlich soll es hier nämlich lediglich um ein Produkt der reinen Willkür der wohl ursprünglichen Schöpfung gehen: Przemek Zajfert, der eigentliche Mastermind dieser Veröffentlichung und Teil einer der besten Familien, die zu kennen ich die Ehre habe, hat aus Zufall eine Fotografie gemacht bzw. nicht gemacht sondern versehentlich, so erzählt er zumindest, den Dingen ihren Lauf gelassen.
Dies trug sich zu wie folgt: Er vergaß, eine kleine Kamera, die zur Dauerbelichtung aufgehängt war, wieder abzuhängen. Tragisch und nur zu rasch geht die Zeit über uns Sterbliche hinweg: Aus geplanten wenigen Wochen der Belichtung wurden acht Jahre, von 2008 bis 2016.
Hieraus ist eine rätselhaft ästhetische Aufnahme entstanden, da ein Vogel, vermutlich eine Amsel, das winzige „Objektiv“, also die Linse, aufstach und dann wohl unverrichteter Dinge, hungrig und gelangweilt dazumal, ihres Weges flog und flatterte. Einzug hielt nun eine in Deutschland wohl recht verbreitete Spinnenart und flocht dort ihre Netze. Die „Kamera“ indes funktionierte unverdrossen weiter.
Die so vollkommen der Natur und dem Zufall der Lichtverhältnisse und dem Baumeistertum der Spinne entsprungene Fotografie erinnert sofort an eine Höhlenmalerei; es scheint sich um ein prähistorisches Huftier, möglicherweise um einen „Ur“, also einen Auerochsen, der wohl im Gebiet des heutigen Polens im Verlauf des 17. Jahrhunderts ausgerottet wurde, zu handeln, so dass sich die Frage stellt, ob das, was wir als „menschlich“ erachten und worauf wir uns so viel einbilden, nicht vielleicht einfach Teil eines Ablaufprogrammes ist: Fische müssen schwimmen, Katzen müssen schnurren und Menschen müssen „Kunst“ machen und folgen doch nur der Natur, die man aus einer solchen Sichtweise heraus auch als „Gott“ bezeichnen kann .
Womöglich gibt es also im eigentlichen Sinn keine Kunst, sondern vielmehr ist es ein natürlicher Prozess. Was die Schöpfung indes sicher nicht vorgesehen hat, was übrigens Zweifel an einer allmächtigen und zudem vorausschauenden Urgewalt aufkommen lässt, ist aber der moderne Großstadtmensch mit seiner selbst herbeifantasierten künstlerischen Provenienz.
So beklagten sich also Fotografen bei meinem Freund Przemek, da er die Gilde des Fotografentums verletze, indem er behaupte, die Produzenten des fantastischen Bildes seien eine Amsel und eine Spinne, nicht aber Absolventen irgendwelcher Kunstakademien oder vor allem Fotografen mit einem erheblichen Drang zur Selbstüberhöhung.
Hieraus ergibt sich eine Art der Parabel zur modernen Welt: Auch hier duldet die herrschende Klasse, die „Anywheres“ also mit ihren Fondsgesellschaften und Start-Ups in den längst unbezahlbaren Metropolen, ihrer Kontrolle über die Medien und natürlich auch über die Regierungen, niemanden, der selbst etwa erfindet, erschafft oder womöglich gar die Welt verändern könnte. Das Kapital ist sofort zur Stelle und übernimmt eine Kontrolle, die ihm eigentlich nicht zusteht, denn die Kontrolle hat am Ende zum Glück noch immer die Natur.
Diese Natur hat sich in dieser merkwürdigen und wunderschönen weil lautlosen und ohne politischen Anspruch bunt schillernden Fotografie in den Herzen der Betrachter nun hoffentlich zu Wort gemeldet. Sie hat sich dafür acht Jahre Zeit genommen. Aber was ist das schon vor der Ewigkeit?

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